Fronkreisch und Kanalinsel Guernsey

4.5. – 13.5.2016

 

Nebel  und Zollkontroll-Alarm!

 

„Veuillez vous nous donnez  votre papiers, s’il vous plaît?“ So oder ähnlich fragten uns die 5 (!) Zöllner in Boulogne sur Mer (passenderweise nach dem Abendessen und beim Abwasch).  Aber klar bekommen sie alle Zertifikate, unsere Personalausweise und ihre Fragen beantwortet. Dafür haben wir jetzt eine offizielle Zollbestätigung und müssten (eigentlich) keine weiteren Kontrollen mehr befürchten. Nicht dass wir was zu verstecken hätten, jedoch man weiß ja nie, was die Jungs so auseinander bauen wollen. Diese Zöllner waren ausgesprochen nett und haben sich in einen Plausch verwickeln lassen, statt das Schiff auf den Kopf zu stellen. Merci!

 

Aber fangen wir von vorn an: unser Start von Glückstadt respektive Helgoland konnte besser nicht laufen. Sonnenschein, Ostwind und Wärme wie im Juni – so haben wir den Luxus, mit Backstagbrise und ordentlich Sonnencreme im Gesicht,  gen Westen zu kommen. Wir „verzichten“ auf Nachtfahrten, weil die Tagesmeilen völlig ausreichen. Und dabei haben wir noch nicht mal nennenswerten Seegang, so dass ich mich beim Kochen fast wie auf einem Katamaran fühlen konnte. Mit spätabendlichen Zwischenstopps auf Borkum, Ankern hinter Vlieland, Yachthäfen in Scheveningen, Zeebrügge, Dünkirchen und Bologne sur Mer sind wir am Donnerstag, 12.5. bis  Dieppe gekommen. Das verschafft uns genügend Reserven zum Abwarten auf passende Wetterfenster, denn zum Ende dieser Woche stellt sich die Wetterlage um. Noch dominiert der Nordwind, ab Montag dürfen wir dann mit den hier üblichen Westwinden rechnen.

 

Bilanz der 1. Reisewoche:

 

Besonders positiv überrascht waren wir über die 92 sm bei (böigem) Ostwind von Vlieland nach Scheveningen.  Hier angekommen, konnten wir das maritime Ambiente in einem Restaurant an der Uferpromenade genießen und unseren tollen Tagestörn ein wenig begießenJ

 

Ebenfalls sehr sympathisch und zuvorkommend  war bislang der Empfang in jedem französischen Hafen – die Hafenmeister und selbst die Zöllner waren sehr bemüht, uns alle nötigen Informationen zu geben. Mein Französisch ist denn doch arg eingerostet, auch wenn es zumeist für den ersten Kontakt reicht. Besonders beim Funken werden wir doch eher Englisch sprechen, denn gestern hatte ich z.B. die Antwort (französisch) der Hafenkontrolle auch nicht wirklich verstanden. Resultat:  Ein Lotsenboot hat uns draußen „abgefangen“, weil aus dem engen Hafenkanal ein Feederschiff auslaufen sollte und wir 10 Minuten warten sollten. Uff, das war noch mal gut gegangen!

 

Boulogne sur Mer konnte dieses Mal (8 Jahre nach unserem ersten Aufenthalt)  punkten. Sobald man sich aus der quirligen Unterstadt in die höher gelegene historische Altstadt begibt, findet man viele schöne Ein- und Ausblicke. Ein richtig altes Fort mit echtem Wassergraben und die mächtige Kirche mit einer darunter befindlichen Krypta fand unsere Bewunderung. Auffällig ist jedoch bei allen Kirchen, die wir hier anschauen, die hohe Baufälligkeit – die Wertschätzung für diese historischen Bauwerke scheint auch in Frankreich stark gelitten zu haben. Es tut regelrecht weh zu sehen, wie die vielen Ornamente und Heiligen zerbröseln und durch schnöden Betonputz ersetzt werden. Einige Kirchen sind unserem Eindruck nach gleich ganz geschlossen – höchstwahrscheinlich aufgrund der Gefahr herabfallender Zierelemente oder schlimmerem….

 

Und: wir sind natürlich für die bisherige schnelle Reise ohne Schäden oder Malaisen (nee, ist kein Original-Französisch J , reimst sich nur schön)sehr dankbar.

 

Negatives gibt es kaum zu berichten, bis auf den ekeligen Seenebel, den wir beim Auslaufen von Dünkirchen hatten. Aber dem Erfinder des Plotters, AIS und Radars sei von Herzen gedankt: wir konnten ohne Probleme den ein- und auslaufenden Fähren von Calais gut ausweichen. Wenn die vielen Fischernetze noch mal ein AIS Signal bekämen, wäre ich persönlich sehr dankbar. So war das Starren bis max. 50 m Sichtweite auf Dauer etwas anstrengend und auf Schallsignale aus unserem Schiffshorn reagieren die blöden Teile nicht.

 

Seit gestern Abend sind wir in Dieppe. Hier machen wir heute, am Freitag den 13.5., den 1. Tag komplett Pause. Bei einem ersten abendlichen Spaziergang Richtung Innenstadt konnten wir schon normannisches Flair aufsaugen. Die großen und meistens gut erhaltenen Häuser aus Granitsteinen der oberen Normandie haben mich früher schon beeindruckt. Es muss nicht alles modern sein – zumindest nicht für uns Touristen ;-) 

 

Morgen möchten wir nach Fecamp, eine kleine normannische Hafenstadt, in der ich vor gut 30 Jahren schon mal war. Ich bin gespannt, ob die Enttäuschung oder Wiedersehensfreude überwiegt.

 

Übrigens: der Reise-Bär durfte nicht mit auf Crewliste – er hat alles versucht, wurde jedoch nicht ernst genommen, liebe Annika. Wir trösten ihn schon die ganze Zeit!

 

Kanalinseln: so weit im Westen...

13.5. – 18.5.2016

 

Am Samstag, den 14.5. geht die Reise weiter – erst einmal müssen wir die gewaltige Hafenausfahrt mit der einrollenden Dünung bewältigen. Das geht mit Manfreds Steuerkompetenz recht gut (nämlich langsam fahren). Das Großsegel haben wir schon zu gut einem Drittel ausgerollt als Stütze sozusagen und dann ziehen wir bei unschöner Welle mit grauen Wolken und durch etliche Fischernetze weiter die normannische Steilküste entlang. Mittags erstrahlt die Küste  dann im Sonnenschein und es postkartenkitschig schön. Die Hafeneinfahrt von Fecamp liegt gen Südwesten und ist somit nicht ganz so spektakulär wie die von Dieppe, da der Wind noch immer aus Nordost  (4-5 Beaufort) kommt.

 

Fécamp selber ist auch schön, aber um es abzukürzen, nicht so toll wie Dieppe. Keinerlei Erinnerungen machen sich bemerkbar – auch gut. Abends gehen wir lecker essen und liegen mit extrem gefüllten Magen im Bett.

 

Weiter geht die Reise nach Ouistreham – dabei queren wir  ohne Probleme und regelkonform die Fahrwasser für die Großschifffahrt von le Havre. Die ganze Zeit scheint die Sonne, es ist jedoch lausekalt. Ich bin froh, meine dicke alte Skihose mitgenommen zu haben.  Um 16.30 Uhr schleusen wir in Ouistreham ein und ich versuche zum wiederholten Male, uns  mit meinem Schlechtfranzösisch einen Liegeplatz beim Hafenmeister zu organisieren. Irgendwie klappt es denn immer doch – spätestens beim Bezahlen kann ich mich für meine mangelnde Aussprache und Vokabeln entschuldigen und da auch die Hafenmeister schlecht Englisch sprechen, sind die Entschuldigungen gegenseitig J

 

Ouistreham selbst liegt auf dem Schwemmland der Seine, hier gibt es keine Steilküsten mehr.  In unmittelbarer Nähe befindet sich Omaha Beach, auf dem die Alliierten 1945 landeten, um Frankreich bzw. Europa zu befreien. Überall findet man Gedenktafeln und Museen an dieses Ereignis oder für einzelne tapfere Soldaten, die für die Befreiung ihr Leben lassen mussten. Ich bin sehr dankbar, dass man uns diese Greueltaten hier nicht mehr zur Last legt.

 

Der Ort selber hat schmucke, normannisch geprägte Häuser, aber auch eine moderne Bebauung. Mir fällt auf, dass die Vegetation hier schon etwas „tropisch“ ist. So wachsen in diversen Vorgärten nicht nur Stechpalmen, sondern sogar Calla.

 

Pfingstmontag morgens um 6 Uhr (!) klingelt der Wecker, damit wir die Schleusenöffnung um 7.15 Uhr auch ja nicht verpassen. Auf macht sie dann erst um 7.30 Uhr – Seglers Schicksal….

 

Zunächst sieht der Tag nach wenig Wind aus – das ändert sich ziemlich doll. Wir bekommen Nordwest-Wind im Schnitt mit 5 Beaufort.  Das erste Mal in diesen zwei Wochen müssen wir also „hoch ran“ (=> für alle Nichtsegler: das Schiff liegt die ganze Zeit schief, wackelt ordentlich mit jeder Welle und man bekommt viele blaue Flecken) und haben zudem ein blöde Welle, die uns an die Ostsee erinnert. Uns Tagesziel Cherbourg mit der Rundung des Caps von Barfleur wird um 16 Uhr gecancelt. Wir laufen einen kleinen Fischerort namens St. Vaast la Hougue an. Hier fahren wir das erste Mal in unserer Auszeit über ein Sill/Drempel (eine Mauer im Hafentor zumeist unter Wasser, die dafür sorgt, dass bei Niedrigwasser noch genug Wasser für die Boote im Hafen bleibt). Mit 50cm unterm Kiel hätten wir nicht viel eher einlaufen können. Beim abendlichen Spaziergang finden wir: hoch gezogene Gartenmauern (neidische Nachbarn?) und ausgestorbene Straßen. Ob die Franzosen das Pfingstwochenende soooo ausgiebig gefeiert haben, dass sie nun alle rekonvaleszent im Bett liegen? Wir wissen es nicht. Somit gibt es keinen Absacker in einer Bar sondern einen Portwein unter Deck.

 

Okay, am Dienstag, 17.5. müssen wir wieder um 6 Uhr (wie sonst auch, wenn es zur Arbeit geht) aufstehen, um mit genügend Wasser über dem Drempel rauszukommen. Es ist leicht diesig, aber nicht nebelig. Nach dem gestrigen polterigem Ritt mit ordentlich Salzwasser über Deck haben wir eigentlich schon beschlossen, heute nur nach Cherbourg zu segeln/motoren, da ab Mittwoch, 18.5. jede Menge Tiefs mit ordentlich Wind aus West uns die Passage durch das Race von Alderney nach Guernsey nicht gerade schmackhaft macht. Aber: es bleibt friedlich, zwar Wind aus West, aber nur mit 7-8 Knoten. Wir konferieren mit dem Internet und glauben, dass es heute doch noch klappen könnte. So kommt der „Hebel auf den Tisch“ und mit 11 kn über Grund spülen wir an Cap de la Hague vorbei. Selbst bei diesem doch sehr ruhigem Wetter erkennt man viele komische Wellenbilder und Strudel – nicht auszudenken, hier bei 6 Windstärken aus West und Tide aus Ost raus zu müssen. Wir machen es uns einfach, 3 Meilen segeln wir später noch, stellen aber fest, dass es ziemlich sinnlos ist. Also wird weiter motort. So kommen wir gegen 16.30 Uhr (Ortszeit 15.30 Uhr!) in St. Peter Port aufGuernsey an und dürfen an einem Längsausleger komfortabel festmachen. Die Freude ist groß, es bis heute hierhin geschafft zu haben.

 

Dann ereignet sich, was man sich als blog-Verfolger anderer Segler erhofft: Nico von der TamTam klopft bei uns an. Wir hatten den ganzen Herbst und Winter lang ihren Blog verfolgt. Nico und Birte befinden sich auf ihrer Heimreise. Am Mittwoch Abend werden die beiden zu uns an Bord eingeladen, damit wir live von ihren Erlebnissen erfahren. Zuvor gilt es jedoch, die Bettwäsche zumachen und etwas aufzuräumen. Ebenso nimmt es Zeit in Anspruch, das WiFi-Netz zu meinem LapTop umzuleiten J . Geduld ist dabei gefragt, aber nicht meine Stärke. Wir denken, dass wir die nächsten Tage auf Guernsey und/oder Jersey etwas verbummeln möchten. Euch allen zu Hause wünschen wir weiterhin schöne Maitage und besseres Segelwetter, als ihr es Pfingsten hattet.

 

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Kommentare: 5
  • #1

    Susanne (Mittwoch, 18 Mai 2016 16:40)

    Hallöchen, sitze gerade im Auto und lese den Bericht zuende. Das hört sich alles so toll an. Mir wird wehmütig ums Herz und wünsche weiterhin viel, viel Spaß. Weiter so

  • #2

    Nicole (Donnerstag, 19 Mai 2016 07:30)

    Hallo liebe Ute! Das hört dich alles super spannend an! Ich freue mich auf deine Live-Berichte, wenn du zurück bist!!!! Ich war gestern das erste Mal auf der Alster segeln (mit einem Skipper!)... Mein Respekt für euer Tun ist noch mals gewachsen! LG, Nicole

  • #3

    Christian (Montag, 23 Mai 2016 10:18)

    Moinsen Ihr beiden Weltenbummler, mein Neid kennt keine Grenzen.
    Die unterhaltsamen Berichte lese ich wie immer gern und bin gespannt auf die Fortsetzngen.
    Euch weiter viel Freude, gutes Wetter und Segelspaß!
    LG von Christian und Irene

  • #4

    Anke (Dienstag, 24 Mai 2016 19:40)

    Hallöchen,
    ihr zwei Beide könnt es gut haben!- ...und für uns zurückgebliebenen ist es schön Eure Erlebnisse via Blog verfolgen zu können (nur AIS wäre echt zu wenig!-). Wir haben Bilder und Texte ausgiebig genossen und wollen unbedingt mehr...lechz...
    Liebe Grüße Anke und Christoph
    PS: Adonis will wissen, wie tief es bei Euch ist... ;-)

  • #5

    Christian (Mittwoch, 15 Juni 2016 11:08)

    Hallo Ihr beiden, nochmals ganz herzlichen Dank für die wunderbaren Bilder und die druckreifen Schilderungen. So macht das Mitsegeln sogar auf dem Sofa Spaß!
    Weiter Glück mit Wetter und Wind wünschen Euch Christian und Irene